Claudia Haak 


Psychologie


Heilung

Negative Überzeugung: Natürliche Triebe sind etwas Verbotenes und Gefährliches
Da es so etwas wie einen künstlichen Drang oder Trieb nicht gibt, sind alle Triebe natürlich. Entweder rühren sie von einem Verlangen oder von einem Bedürfnis her. Sobald der Geist sich einzumischen beginnt, kann freilich jeder Drang zur Gefahr werden. Eine Zuckerstange zu essen mutet gefährlich an, wenn sich in deinen Gedanken alles um das eigene Körpergewicht dreht. Sobald man Angst hat, zurückgewiesen zu werden, scheint es riskant, jemanden zu lieben. Zwischen dem, was wir fühlen, und dem, wovon wir glauben, wir sollten es fühlen, entspinnt sich ein verschlungenes Netz aus Wechselwirkungen. Jeder von uns verstrickt sich in dieses Netz. Aus diesem Grund kann beispielsweise eine Diskussion über gesellschaftliche Werte im Handumdrehen in Gewalt ausarten. Den Menschen liegt viel daran, Richtig und Falsch voneinander zu unterscheiden und Gott oder höhere moralische Grundsätze ins Feld zu führen, um ihr Schuld- oder Schamgefühl zu rechtfertigen.
Die Macht des Neins pocht darauf, Richtig und Falsch seien absolute Kategorien. Unter ihrem Bann beginnen Menschen, sich vor dem zu fürchten, was sie tatsächlich fühlen. Zu einer Unterschätzung ihrer Gefühle in einem positiven Licht außerstande, lassen sie zu, dass daraus gestörte Gefühle werden. Infolgedessen muss immer mehr Energie aufgewendet werden, um Weiß gegen Schwarz zu verteidigen. Dabei verliert man aus dem Blick, dass der Einsatz von Gewalt auch und gerade dann verfehlt ist, wenn es darum geht, etwas Richtiges zu verteidigen.

Aus Sicht deiner Seele beruhen alle deine Triebe auf legitimen Bedürfnissen. Wird das Bedürfnis wahrgenommen und erfüllt, verschwindet der triebhafte Drang von allein, so wie der Hunger verschwindet, sobald du gegessen hast. Wird ein Bedürfnis hingegen verleugnet oder verurteilt, kann es nur dringlicher werden. Es hat keine andere Wahl. Triebe bauen sich auf und stoßen unweigerlich auf den Widerstand, der sie im Zaum zu halten versucht. Ab einem bestimmten Punkt wird dieses Ringen zwischen Trieb und Widerstand so heftig, dass du darüber das ursprüngliche Bedürfnis aus dem Blick verlierst.

Wenn beispielsweise jemand unzulässige sexuelle Neigungen verspürt, verbirgt sich darin nahezu mit Sicherheit – wenn auch tief verschüttet – ein schlichtes Bedürfnis: nach Liebe, Freude, Selbstwertgefühl oder Anerkennung. Sichtbar ist allerdings nichts weiter als der verbotene Drang und der Kampf, den dieser sich mit den Scham- und Schuldgefühlen liefert. Falls es sich hingegen bei dem verpönten Drang um Zorn und Feindseligkeit handelt, liegt ihm letztlich fast immer das Bedürfnis nach Sicherheit und Angstfreiheit zugrunde.

Daher lautet die entscheidende Frage weniger, ob du den Kampf gegen deine „schlechten“ Triebe gewinnst, sondern ob es dir gelingt herauszufinden, wodurch diese genährt und aufrechterhalten werden. Schaffst du es, ein sich dahinter verbergendes Grundbedürfnis zufriedenzustellen, bereitet es dir anschließend keinerlei Probleme mehr, den Impuls zu kontrollieren.

Du solltest dir klarmachen, dass Beziehungen ganz und gar im Gewahrsein existieren. Darin liegt der Schlüssel zu einer Lösung: Da Du die Quelle des Gewahrseins bist, kannst du in dir jede Beziehung verändern. Weder brauchst du darum zu bitten, dass dein Gegenüber sich ändert, noch es zu verlangen oder darüber zu verhandeln. Dieser Gedanke geht gegen den Strich von Eheberatung und Therapie. Doch wer aufgrund von Beziehungsproblemen einen Therapeuten aufsucht, das solltest du dir in diesem Zusammenhang vor Augen führen, bringt eigentlich sein frustriertes Ego in die Therapie. Schon lange bevor die erste Beratungsstunde begonnen hat, ist hier das Gewahrsein auf der Verliererstraße gelandet.

Doch gleichgültig, was an der Oberfläche geschieht, du darfst die Gewissheit haben, dass jeder Mensch, mit dem du zu tun hast, deine Energie spürt. Bindungen lügen nicht. Sie können nicht vorgetäuscht werden. Ein Grund mehr, ausfindig zu machen, auf welcher Ebene Bindung tatsächlich entsteht. Dort erst sind Beziehungen keine Arbeit mehr, sondern gewinnen einen mühelosen Charakter.

Sobald du eine Bindung eingehst, gibt es keinen Grund mehr, deinem Gegenüber zu misstrauen, da ihr beide in der einzigen Art und Weise, auf die es ankommt, eins seid – indem du an derselben Ganzheit teilhast. Einsamkeit, Isolation und die rastlose Unsicherheit des Ego offenbaren sich nun als das, was sie sind: als Nebenprodukt einer von der Ganzheit abgeschnittenen Seelenexistenz, bevor diese Seelen zueinander finden.

Wie wir uns fühlen, projizieren wir auf die Außenwelt. Falls du das Gefühl hast, nicht liebenswert zu sein, erscheint dir die Welt lieblos. Fühlst du dich unsicher, kommt die Welt dir gefährlich vor.

Ganz zu sein setzt eine höchst spezifische Empfindung voraus: Ich bin genug. Wenn du das spürst, wird die Welt ebenfalls genug sein. Falls du dagegen das Gefühl hast: „Ich bin nicht genug“, wird dir auch die Welt nie genügen können. Du wirst ein vages Gefühl in dir tragen, dass es dir in irgendeiner Weise an einer für die persönliche Erfüllung unentbehrlichen Zutat mangelt. So angestrengt du auch versuchen magst zu verstehen, woran es dir eigentlich fehlt, wird diese fehlende Zutat nie auffindbar sein.