Claudia Haak 

Psychologie

 


Sicherheit über alles?
Die Deutschen sind ein sicherheitsliebendes Volk – so sehen uns unsere europäischen Nachbarn, und das verwundert mich auch nicht. Verwundert hat mich allerdings das Ergebnis der Umfrage „Bedeutungswandel von Werten“ (GFK), die zeigt, welche Ausmaße das uns eigene Sicherheitsdenken angenommen hat: So halten 73 Prozent aller Deutschen Sicherheit für den wichtigsten Wert im Leben, für 24 Prozent ist Sicherheit gleich wichtig mit anderen Werten, und nur vier Prozent messen der Sicherheit eine geringere Bedeutung bei. Das bedeutet: Für beinahe jeden Deutschen gibt es nichts Wichtigeres im Leben, als das Gefühl der Sicherheit.
Dass man mit dieser Haltung für die Dynamik unserer Zeit nicht gut gewappnet ist, liegt auf der Hand. Denn was ist heute noch sicher? Wie sicher ist unser Geld noch? Sind unsere Straßen noch sicher und unsere Jobs? Sind die Rente, der Euro, das Weihnachtsgeld noch sicher? Die Schlagzeilen überschlagen sich und ein klares Ja auf die Masse sorgenvoller Fragen können sich selbst die größten Schönredner nicht abringen.
Natürlich wächst die Sehnsucht nach Sicherheit, wenn für die Mehrheit der Deutschen die Idee von einem menschenwürdigen Lebensabend märchenhafte Züge annimmt. Und natürlich braucht jeder Mensch ein bisschen Sicherheit – aber nicht um jeden Preis. Denn dem Glück kommen wir ein großes Stück näher, wenn wir auch mal das Risiko wagen.
Lebensversicherung, Airbag, Alarmanlagen, Fahrradhelme und Kinderbetreuung bis ins Studentenalter hinein: Noch nie war eine Gesellschaft so versessen auf Sicherheit. Jetzt haben Glücksforscher festgestellt, dass uns gerade ungehemmtes Sicherheitsdenken unglücklich macht. Warum? Weil das Gefühl von Sicherheit trügerisch ist. Risiken lassen sich reduzieren, aber niemals völlig ausräumen. Wer aber das Gefahrenbewusstsein verliert, wird im Ernstfall umso stärker unter den Folgen leiden. So hat die amerikanische Psychologin Emmy Werner in einer Studie über die Folgen eines Hurrikans festgestellt, dass die Menschen, die auf diese Unwetter-Katastrophe vorbereitet waren, sie am Ende nur als vorübergehend leidvolles Erlebnis erfahren haben.
Das Prinzip der weisen Voraussicht gilt genauso für die kleinen Katastrophen im Alltag. Wer sich gedanklich mit möglichen Veränderungen und Schwierigkeiten auseinandersetzt, sich ein wenig mit ihnen anfreundet oder sie sogar herausfordert, blickt optimistischer in die Zukunft. Denn er weiß, er wird auch in der Not handlungsfähig sein und nicht so hilflos wie diejenigen, die in ihrer gefühlten Sicherheitsoase von kleinen Ungemütlichkeiten wie vom Donnerschlag getroffen werden.
Warum schließen wir Versicherungen ab? Warum trauen sich die meisten Menschen nicht, einen ungeliebten Beruf zu kündigen oder einen Partner zu verlassen, mit dem sie sich nichts mehr zu sagen haben? Weil das Veränderungen und damit einen Verlust der gefühlten Sicherheit bedeuten würde. Weil viele von uns Erwartungsweltmeister sind, die ihre Zukunft absichern wollen und erwarten, dass sich diese Sicherheit erhält. Selten sind wir wirklich ohne Netz auf uns allein gestellt. Selten überschreiten wir Grenzen und schauen auf die Möglichkeiten, die wir haben, auf die eigenen Ressourcen und Horizonte.
Um aber persönlich wachsen und auch mal neue Ziele erreichen zu können, muss man Dinge tun, die man noch nie getan hat – was immer ein Wagnis ist.
Wer sich Erfolg wünscht und weiterkommen will, muss aus seiner Komfortzone heraustreten. Das ist der Bereich, in dem alles so vertraut ist, dass selbst die Probleme etwas Anheimelndes haben. Die Komfortzone ist das Paradies der Sicherheitssucher und der Tod der Kreativität. Denn neue Ideen brauchen Neugierde, Risikofreude, Abenteuerlust. Das haben Hirnforscher herausgefunden. Im Urlaub fremde Länder bereisen, im Beruf schwierige Aufgaben übernehmen, in der Freizeit neue Hobbys ausprobieren – erfolgreiche Menschen gehen immer zwei Schritte in die Dunkelheit, um zum Licht zu gelangen.
„Mach deine Ausbildung, dann hast du etwas Sicheres!“ „Warum solltest du einen sicheren Job aufgeben und etwas riskieren?“ Unser Gehirn wurde auf Sicherheitsdenken programmiert, weshalb sich viele Menschen mit ihren derzeitigen Lebensumständen arrangiert haben. Selbst wenn es sich nicht gut anfühlt, scheint es irgendwie angenehmer zu sein, alles beim Alten zu belassen, als etwas Neues zu riskieren. Unser Gehirn aber liebt Spannung und neue Reize. Es will eigentlich permanent überrascht werden.
Glücksforscher haben herausgefunden: Selbst, wenn alles gut ist, gewöhnen wir uns schnell an die Dinge, die uns glücklich machen sollen – gutes Essen, Shoppen gehen, Vergnügungen aller Art. Wir müssen ständig die Dosis steigern. Jede neue Erfahrung aber, jede Überraschung und Ungewissheit schenkt uns hundertprozentige Aufregung und Bereicherung – jedes Mal aufs Neue.
„Das größte Risiko unserer Zeit liegt in der Angst vor dem Risiko“, sagt auch der Soziologe Helmut Schoek. Denn nur, wenn wir es wagen, können wir mehr über uns erfahren, unsere Wahrnehmung schärfen und Chancen nutzen – und auf diesem Weg wirklich glücklich werden.