Alles ist jetzt!

Psychologie

  

Was wollen wir erreichen? Was blockiert uns?

Am Anfang ist da oft nur ein Gedanke, der zur Chance wird. Und diese Chance verlangt nach dem Mut zu springen. Doch sich zu entscheiden und mit dem neuen Ufer in Sicht loszuschwimmen – das trauen wir uns oft nicht. Und so verharren viele in einem Leben, das sich nicht richtig anfühlt. Wie aber schaffen wir es, unser Dasein in neue Bahnen zu lenken?

Was es manchen schwer macht, sich klar zu entscheiden, ist, dass es so viele Möglichkeiten gibt. Natürlich ist es eigentlich schön, viele Möglichkeiten zu haben. Doch viele Möglichkeiten haben auch einen Haken – und der ist mitunter angsterzeugend. Bei vielen Optionen geht es nicht nur darum, was man wählen soll, man muss ja auch so viel abwählen. Wenn man zwischen A und B wählen muss, dann verzichtet man auf B. Das ist in Ordnung, das schafft man auch noch bis D. Aber ein ganzes Alphabet an Möglichkeiten – wenn man dann M wählt, sind so viele Buchstaben da – und da fängt es an: “Wäre nicht Z besser gewesen?“ Es braucht eine große innere Stärke, alles andere fahren zu lassen – und die Angst zu überwinden, etwas Falsches ausgewählt zu haben.

Jeder von uns besitzt ein inneres Gespür, eine innere Stimme, wir verlieren nur leicht den Kontakt zu ihr. Eigentlich erspüren wir Menschen sehr gut das Richtige im richtigen Moment, wir haben eine Art inneren Kompass in uns. Doch oft sind da draußen einfach zu viele Fremdeinflüsse. Wir lassen uns schnell zerstreuen, verunsichern – sind wir ständig abgelenkt, kommen wir nicht in Kontakt mit unserer inneren Stimme, denn diese ist leise. Man hört sie nicht im Lärm der Welt. Man muss erst lernen, die Geister, die man gerufen hat, wieder in seine Gewalt zu bekommen, und dass man nicht von den Geistern getrieben wird, dass Fortschritt und Technologie einem wieder nützen und nicht umgekehrt. Mit unserer inneren Stimme kommen wir in Kontakt, wenn wir akustisch und visuell abgeschirmt sind.

Z.B. wenn wir spazieren gehen, die Gedanken wandern lassen können, uns wenigstens für kurze Zeit in eine Art Ruhe-Refugium zurückziehen können. Doch es kann eine Weile dauern, bis wir wirklich zur Ruhe kommen. Wenn man sich in die Stille zurückzieht – gerade bei Entscheidungsdilemmata – ist man oft zunächst total aufgewühlt, emotional, und kognitiv geht alles drunter und drüber, alle Stimmen, alle guten Ratschläge von außen, Normen der Gesellschaft prasseln auf einen ein. Doch langsam sinkt all das zu Boden – und alles wird klar und durchsichtig. Man kann das Wesentliche vom Unwesentlichen besser trennen, das Änderbare vom Unabänderlichen, das Sinnvolle vom Sinnlosen. Man kommt in Kontakt mit seiner innersten Stimme, die einen fragt: Was wäre jetzt für mich richtig? Nicht für andere, nicht später, nicht früher. Jetzt. Und für mich.

Das, was auf einen Menschen sinnvollerweise wartet, hat auch etwas mit seinen Talenten zu tun. Talente wollen genutzt werden. In der Gemeinschaft, in der wir leben, ist ja nicht alles in Ordnung. Es gibt also Bedürfnisse bei uns selbst – aber es gibt auch immer eine Bedürftigkeit der Welt rings um uns herum. Etwas, was nicht ganz in Ordnung oder was, verbesserungswürdig ist. Und das, was da irgendwo fehlt, das braucht jemanden, der das verbessern könnte. Jemanden mit gewissen Fähigkeiten, um ein Stück der Welt heller zu machen. Wenn man das zusammenbringen kann – also die Fähigkeiten, die in einer Person schlummern und einen Bedarf in der Welt, der genau so jemanden braucht – dann sind beide Seiten glücklich. Man muss dafür aber über seinen Tellerrand in die Welt schauen und sich nicht nur fragen „Was will ich, was dient mir, was macht mich glücklich?“, und all dieses Gewickel um sich selbst.    

Angst ist immer das Zittern um das eigene Ich. Um das Ich, dem immer etwas Schlimmes passieren könnte. Es gibt natürlich auch schützende Angst, aber die ist hier nicht gemeint. Diese ständige Angst um sich selbst macht uns klein und ängstlich, denn jedes Ich ist ja verletzlich. Es geht nicht darum, dass wir ewig leben wollen und ewig gesund bleiben können, das ist illusionär – sondern dass wir mit unserer Lebenszeit das Beste machen. Und das Beste hat wieder mit dem Sinn zu tun, und der Sinn hat wieder mit der Außenwelt zu tun.

Ab in die Stille. Das ist genau der Punkt, an dem man eine Zäsur machen sollte. Einen kleinen Urlaub, sein Leben aus der Distanz heraus anschauen. Und das Hadern ist von vornherein die falsche Einstellung. Primär wäre die Dankbarkeit. Dankbarkeit, dass man einen Job hat, vielleicht auch gesunde Kinder, ein Haus, dass man sich bewegen kann, dass man nicht blind ist – es ist nichts selbstverständlich, das vergessen wir oft. Das wäre der erste Schritt. Wenn man sich das bewusstgemacht hat, dann erkennt man, dass man die Verantwortung hat, all diese Geschenke sinnvoll zu nutzen. Nicht aus dem Verdruss und der Langeweile und aus einer Art existenzieller Frustration heraus. Was liegt mir wirklich? Und kann ich das, was mir liegt, vielleicht in meinem jetzigen Leben bereits anders verwerten?

Für einen Wechsel der Lebensumstände braucht es nicht nur Mut, sondern Begeisterung – und eine tiefe Überzeugung, dass das etwas Wichtiges ist und dass wir die Fähigkeiten mitbringen. Wenn das da ist, schaffen wir auch den Wechsel. Dann haben wir das Gefühl, als würden wir gerufen, als warte etwas auf uns, dem wir uns nicht verweigern wollen.

Mut bekommen wir nicht, indem wir über ihn nachdenken. Sondern indem wir uns in ein sinnvolles Leben hineinbegeben. In der Verhaltenstherapie macht man Übungen, wenn jemand Angst vor Wasser hat, ihn schrittweise heranzuführen, aber bei Mut geht es nicht darum, mutig zu werden. Es geht um etwas, was wir nur erreichen können, wenn wir Mut haben.

Es wird so sein, dass wir eine gesunde Balance finden müssen. Einen Fahrradhelm aufzusetzen, ist sicherlich sinnvoll, eine gewisse Vorsorge ist sicher sinnvoll, Leben ist ja etwas Kostbares, wir sollten es nicht unnötig riskieren. Auf der anderen Seite brauchen wir ein gewisses Grundvertrauen, weil Leid sich nicht vermeiden lässt. Gewisse Risiken lassen sich ausschalten, aber manchmal trifft ein Leid, ein Schicksalsschlag völlig unerwartet ein. Krankheit, Arbeitslosigkeit, eine Katastrophe – Dinge, die wir nicht unbedingt in der Hand haben. Deswegen braucht der Mensch ein gewisses Grundvertrauen. Es bedeutet, dass wir glauben, dass es am Ende seine Richtigkeit haben wird, wie auch immer es ausgeht. Denn auch das hat seine Richtigkeit, dass das Leben begrenzt ist. Grundvertrauen heißt nicht, dass man glaubt, dass immer alles gut ausgehen wird. Diese Einwilligung in die Unwägbarkeiten des Lebens, in das, was wir sowieso nicht ändern können, das ist das Prinzip des Grundvertrauens.

Das Grundvertrauen gehört zu den Menschen dazu, es kann aber verschüttet gehen durch schlechte Erfahrungen. Es wird nicht produziert von den Eltern, es ist von Anfang an da. Vertrauen ist immer auf einen Vorschuss angewiesen. Es setzt immer voraus, dass wir einen Vertrauensvorschuss leisten. In der Geistigkeit des Menschen ist eine metaphysische Geborgenheit, die lässt sich nicht rational fassen, auch emotional nicht, das drückt sich zwar in den Weltreligionen schon aus, aber es ist nicht religiös gebunden – ein Gespür, als würden wir irgendwie dazugehören im Universum, als seien wir willkommen und es sei gut, dass wir da sind. Das lässt sich rational nicht begreifen, das ist im Menschen verankert. Wenn wir uns da heranwagen, dann spüren wir eine Art Sicherheit. Dass nicht nur die Eltern einen lieben oder weniger lieben, sondern dass wir urwillkommen oder urgewünscht sind in dieser Welt und unseren Platz haben. Und doch wirkt es, als sei das Grundvertrauen der Menschen in das Leben nicht gerade gewachsen. Was gewachsen ist, ist die Überheblichkeit des modernen Menschen zu glauben, er könne alles irgendwie selbst in der Hand haben. Komischerweise sagt man in den letzten Jahren auch „Das macht Sinn“ – die Sprache hat sich hier geändert. Das hat man früher nicht gesagt, da sagte man “Das hat Sinn“ oder „Das ist sinnvoll“. Sinn kann man nicht machen. Das ist ein sprachlicher Fehler, der auf einen Denkfehler zurückgeht. Sinn lässt sich nur finden, sich aber nicht bestimmen.

Victor Frankl hat von der tragischen Trias beim Menschen gesprochen – über Leid, Schuld und Tod. Diese drei Elemente sind nicht zu eliminieren – jeder erfährt einmal ein Leid in seinem Leben. Diese Trias gehört unabdingbar zum Menschenleben dazu – sie ist aber kein wirklicher Grund, sich zu fürchten, sondern ein Grund, sein Leben achtsam zu leben. Gut zu beachten, was wir tun, damit wir anderen kein Leid zufügen. Und Schuld ist eher ein Wachstumsimpuls, damit wir daraus lernen, dass wir einen Fehler möglichst kein zweites Mal machen. Auch die Tatsache unserer Endlichkeit ist ein Impuls, das Leben in seiner Fülle auszuschöpfen, weniger Lebenszeit zu vergeuden.

Glück ist oft das Beiwerk einer Sinnerfüllung. Je dringender wir glücklich sein wollen, desto mehr verjagen wir das Glück. Es gibt Dinge, die können wir nicht bestellen, auch nicht herbeizwingen. Geliebt zu werden, zum Beispiel. Diese Nebeneffekte können wir nicht intendieren, die stellen sich ein oder auch nicht. Das Glück, das kommt auf leisen Sohlen dazu. Wenn wir in einem Konzertsaal sitzen, wunderschöne Musik genießen – und dabei glücklich sind. Aber wir können nicht in den Konzertsaal gehen und uns vornehmen „Jetzt möchte ich eine Stunde glücklich sein“. Das Glück ist ein Dazugeschenk.