Claudia Haak 

Kolumne


Weihnachten ist keine Jahreszeit. Es ist ein Gefühl. (Edna Ferber)
Jeder 10.Bundesbürger hat keine Ahnung, welche Bedeutung Weihnachten hat. Das geht aus einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa hervor. Geht die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten in der heutigen Zeit verloren? Zwar geht jede zweite deutsche Familie an Weihnachten in die Kirche, aber Studien zufolge häufig nur aus Tradition und nicht aus wahrem Glauben. Weihnachten ist das bedeutendste Familienfest in Deutschland.

Ich erinnere mich an ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Ein paar Tage vor Weihnachten saß ich mit meiner dreijährigen Tochter auf einer Bank in einem Einkaufscenter. Im Kinderwagen schlief mein dreimonatiger Sohn. Ich ruhte mich ein wenig von den Einkäufen aus und schaute meiner Tochter beim Eis essen zu. Eine Frau setzte sich dazu, sie wirkte etwas verwahrlost und sah verweint aus. Sie lächelte meiner Tochter zu, die sie neugierig betrachtete und fragte mich plötzlich, ob ich glücklich sei, es sähe schön aus, uns beide umgeben von der hektisch umhereilenden Menschenmenge so ruhig und entspannt auf der Bank sitzen zu sehen. Ich musste lächeln und sagte: „Da trügt der Schein, denn für eine Mutter mit zwei kleinen Kindern ist die Weihnachtszeit eine sehr stressige Zeit, auch wenn einen das Leuchten der Kinderaugen vor dem Weihnachtsbaum für vieles entschädigt. Geschenke müssen besorgt, die Wohnung dekoriert, das Weihnachtsessen geplant und zubereitet, die Familie eingeladen werden. Ganz ehrlich, so sehr ich auch die Zeit der Lichter und Weihnachtsmärkte liebe, so bin ich doch auch froh, wenn es vorbei ist, wenn die Geschenke gefallen und nicht umgetauscht werden müssen und das Weihnachtsessen allen geschmeckt hat. Eigentlich irgendwie schade“, fasste ich meine Empfindungen zusammen. Die Frau nickte und sagte: „Wir schätzen oft nicht, was wir haben, bis wir es verlieren.“ Ich sah sie an und stimmte ihr schuldbewusst zu. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, sie griff in die Plastiktüte, die sie in der Hand hielt, streckte mir 200 DM entgegen und sagte: „Bitte kaufen sie Ihren Kindern etwas Schönes davon zu Weihnachten und feiern Sie in Dankbarkeit diese wunderbare kleine Familie. Ich kann das Geld nicht mehr gebrauchen.“ Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Das kann ich nicht annehmen. Wieso können Sie das Geld nicht mehr gebrauchen? Kann ich Ihnen helfen?“ „Nein“, sie lächelte matt, stand auf, legte mir das Geld auf den Schoß und sagte: „Es ist zu spät…“ Dann ging sie schnellen Schrittes davon und ließ mich fassungslos und total berührt zurück. In Gedanken versuchte ich mir vorzustellen, was mit dieser Frau passiert war. Wie verzweifelt musste sie sein? Meine Tochter riss mich aus meinen Gedanken, sie wurde ungeduldig, denn sie hatte ihr Eis aufgegessen. Auf dem Weg nach Hause beschloss ich, dass Geld einem wohltätigen Zweck zu spenden. Auch in den nächsten Tagen musste ich immer wieder an die Frau denken. Ich machte mir Vorwürfe, ob ich nicht vielleicht doch etwas hätte tun können.

Ein paar Tage später, es war der 23.Dezember, erhielt ich um die Mittagszeit einen Anruf meines Hautarztes. Ich hatte mir eine Woche zuvor ein Muttermal entfernen lassen und ahnte daher nichts Gutes als er persönlich anrief. Augenblicklich war mir übel. Er begrüßte mich freundlich, fragte nach dem Befinden meiner Kinder und kam dann zur Sache: „Sicherlich fragen Sie sich jetzt besorgt, warum ich Sie so kurz vor Weihnachten persönlich anrufe. Wissen Sie, ich bin ein erfahrener Dermatologe und als ich Ihnen das Muttermal entfernt habe, war ich mir ziemlich sicher, dass es Hautkrebs ist. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie glücklich ich war, als heute das Ergebnis kam und feststand, dass ich mich geirrt habe und alles in Ordnung ist. Bei solch einer Diagnose hätten Sie sofort, also über Weihnachten, in die Klinik gemusst um das übliche Programm zu durchlaufen. Und das, wo sie doch zwei kleine Kinder haben. Wie gesagt, ich bin erleichtert, dass alles gut ist und wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein schönes Weihnachtsfest mit Ihrer Familie, vielleicht ein ganz besonderes….“.

Vielleicht liegt der Geist der Weihnacht tatsächlich in der Dankbarkeit für all die „scheinbaren“ Selbstverständlichkeiten, die uns umgeben. Weihnachten als Fest der Nächstenliebe kann aber auch darin bestehen, sich für den Obdachlosen an der Straßenecke Zeit zu nehmen, ihn zu fragen, was man für ihn tun kann und ob er seine Geschichte erzählen mag.

Nimm dir Zeit. Zeit zur Vorfreude, Zeit zum Innehalten, Zeit für Familie und Freunde, Zeit für vieles mehr und genieße eine besinnliche Adventszeit, ein stimmungsvolles Weihnachtsfest mit einem schwungvollen Start ins Jahr 2023.