Alles ist jetzt!

Partnerschaft



Gefühle
„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ (Theodor W. Adorno)
Wer auch immer sich dieses Spiel ausgedacht hat, er kann keinen guten Tag gehabt haben. Es heißt BEZIEHUNG! Am Start: Mann und Frau. Die Spielregeln sind sehr verwirrend. Deshalb gibt es wahrscheinlich auch so viele Anleitungen. Geh mal in die Buchhandlung: „Keiner liebt dich, wieso ich? Lauf nicht vor der Liebe weg! Bin ich so wie du mich siehst? Zweisam einsam! Männer sind anders – Frauen auch!“
Am Anfang ist alles so schön. Gut, manche denken, man sollte diese ewig küssenden Menschen krankschreiben. Für acht bis zehn Wochen, mindestens. So lange, bis sie einem wieder zuhören, bis sie sich wieder für das aktuelle Tagesgeschehen interessieren und nicht mehr mit diesem losgelösten, ozeanischen Grinsen durch die Gegend laufen. Denn sie sind eine Zumutung für alle Menschen, die seit geraumer Zeit keine „Heute sind wir seit zwei Monaten, drei Tagen und 18 Stunden zusammen“-Jubiläen mehr feiern.
Gerechterweise muss man sagen: Frisch Verliebte können nichts dafür. Sie sind geistig angeschlagen. Das ist biologisch bewiesen. Ein verliebter Mensch, so die Psychiaterin Donatella Marazziti, befindet sich in einem Zustand, der sich am besten mit dem eines Zwangspatienten vergleichen lässt. Einem Menschen also, der beispielsweise den unwiderstehlichen Drang verspürt, sich 43 Mal am Tag die Hände zu waschen. Das Erregungsniveau ist erhöht, Appetit und Schlafbedürfnis tendieren gegen null, die Wahrnehmung ist total gestört, und der Wert des Botenstoffes Serotonin sinkt im verliebten Hirn auf 40 Prozent unter den Normalwert.
Das Beziehungsspiel wird leichter, wenn sich Frau und Mann nicht vom Gegensatz anziehen lassen. Gleich und gleich gesellt sich gern. Immer wenn Wissenschaftler Ehepaare vergleichen, treffen sie auf die Regel, nach der wir am besten mit Menschen auskommen, die bis in die Einzelheiten unser Spiegelbild sind.
Tolerant sind wir also nicht gerade. Ausdauernd ebenso wenig. Immer mehr Deutsche bauen auf die serielle Monogamie, will heißen, sie lösen die Beziehung, sobald sich im Zweimannzelt statt Kuschellaune Klaustrophobie einstellt oder er lieber in den Baumarkt geht als ihr stundenlang beim Anprobieren der neuen Sommerkollektion zuzuschauen. Jede dritte Ehe endet vor dem Scheidungsrichter, in Großstädten jede zweite. Hier einige weitere ernüchternde Zahlen: 52 % der Frauen würden ihren Mann nach sechs Jahren nicht wieder heiraten. Paare reden neun Minuten pro Tag miteinander.
Je länger die Zweisamkeit dauert, desto größer wird der Reiz des Fremdgehens. Nach 11 Jahren Ehe haben nur 19 % noch nicht an einen Seitensprung gedacht. Was Beziehungswissenschaftler zu der abenteuerlichen These verleitet, man solle sich beim Sex mit dem eigenen Partner vorstellen, es sei gar nicht der eigene Partner.
Mal im Ernst, was soll das Ganze? Dieses Spiel hat der Mensch nicht verdient.
Dabeibleiben ist alles. Partnerwahl heißt immer auch Problemwahl. „In gewissem Sinne ist eine Beziehung der Versuch, mit den negativen Seiten der Münze zurechtzukommen, deren positive Seiten man liebt und bewundert“, schreibt der amerikanische Eheforscher Daniel Wile.