Claudia Haak 

Partnerschaft



Dreiecksbeziehungen
In Dreiecksbeziehungen erleben wir unsere tiefste innere Spaltung. Dreiecksbeziehungen sorgen immer für Verletzungen und führen immer zu gebrochenen Herzen bei allen Beteiligten. In einer Dreiecksbeziehung lebt die Liebe nur das Leben eines Untergrundkämpfers. In der Dreiecksbeziehung sind alle Beteiligten vor allem in einem vereint – sie alle haben Angst vor Nähe, auch wenn es gerade im Falle des heimlichen Liebhabers oder der heimlichen Geliebten ganz und gar nach dem Gegenteil aussieht. Es gibt Singles, die sich immer wieder zu Menschen hingezogen fühlen, die in festen Beziehungen leben. Der Verheiratete scheint geradezu perfekt zu ihren Idealvorstellungen zu passen, scheint alle Vorteile und Eigenschaften eines Partners in sich zu vereinen, von dem der Single je träumte – nur, dass der Auserwählte eben an einen anderen Menschen gebunden und damit nie ganz erreichbar ist. Dadurch sind große Hoffnungen genauso zwangsläufig wie große Enttäuschungen und wechseln sich meist in kürzer werdenden Abständen miteinander ab. Dreiecksbeziehungen zeichnen sich durch unklare Grenzen aus. In einem ständigen Wechselbad von Ahnen, Hoffen, Befürchten und Sehnen weiß keiner, wo er dran ist. Taucht man tiefer in diese Dynamik ein, stößt man auf mangelnde Bindungsfähigkeit und Angst vor Nähe bei allen Beteiligten.

Derjenige in der Mitte fühlt sich wie im Spagat. Er ist meist unfähig, sich zu entscheiden, da beide Partner jeweils die Hälfte dessen zu verkörpern scheinen, wonach er sich in einem Partner sehnt. Er wandert hin und her, prüft alle Vor- und Nachteile beim einen wie beim anderen und träumt heimlich davon, beide haben zu können. Wenn er sich irgendwann tatsächlich entscheiden sollte, hat er stets das Gefühl, etwas verloren zu haben. Bleibt er im Versteckspiel zwischen beiden Partnern stecken, kommt er sich vor wie in einer Falle und laugt langsam aus.

Der heimliche Geliebte sehnt sich immer ein Stück weit nach genau der Sicherheit und Geborgenheit, die der Position des Betrogenen innewohnt. Vor allem kämpft er immer mit seinem Misstrauen in den ersehnten, aber gebundenen Partner: Wie soll er einem Menschen wirklich vertrauen, der einen anderen Menschen hintergeht? Und er kämpft mit der eigenen Schuld, eine Beziehung ruiniert zu haben: Selbst, wenn der in der Mitte sich für ihn entscheiden sollte – wie kann ein neues Glück auf der Zerstörung einer alten Beziehung wachsen?

Am schwersten zu verstehen ist die Rolle des Betrogenen im Dreiecksdilemma. Was da hinter seinem Rücken oder gegen seinen Willen geschieht, spiegelt ihm – so vehement er sich dagegen auch wehrt und so unvorstellbar es ihm auch meistens scheint – etwas über seine eigene innere Dynamik wider: Den Betrogenen zieht es selbst aus der Beziehung. Meist stand er seinem Partner zu dem Zeitpunkt, als dieser sich nach Außen orientiert hat, nicht mehr wirklich zur Verfügung. In vielen Fällen war er von Anfang an nicht fest in seiner Beziehung verankert, konnte sich nie seinem Partner wirklich von innen heraus verpflichten und von Herzen einlassen.

Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als ob dem, der betrogen wird, gerade bitterlichst das Herz gebrochen wird – meist sieht die innere Wahrheit dieser Beziehung anders aus: Der Betrogene muss sich also fragen, wann er innerlich aus dieser Ehe ausgestiegen ist. Wann hat er begonnen, nur noch eine vorbildliche Rolle zu spielen? Wann hat er angefangen seinen Partner anzuzweifeln, ihm sein Vertrauen und seine ehrliche, von Herzen kommende Zuneigung zu entziehen?

Wenn der eine geht, ist der andere meist schon längst gegangen. Das ist eine Tatsache, die wir oft nicht wahrhaben wollen. Lieber lassen wir uns zu einer klaren Verurteilung hinreißen: der, der betrügt, ist böse und der, der betrogen wird, ist gut. Der Betrogene ist aber jemand, der sich selbst häufig verrät. Jemand, der nicht wirklich für sich und seinen Glauben einsteht. Jemand, der in sehr hohen und sehr theoretischen Ansprüchen an Partnerschaft und Beziehung verharrt. Jemand, der sich nicht wirklich einlässt auf den real existierenden, fehlerhaften und unzulänglichen Partner. Der Betrogene fühlt sich meist schon lange auf die eine oder andere Art unfreiwillig abhängig von seinem Partner, traut sich aber nicht, dieser Abhängigkeit entgegenzutreten, sich verletzlich zu machen und wieder mutig der eigenen Wahrheit zu folgen und der eigenen Kraft zu vertrauen.

Und der, der betrügt? Häufig schildern die, die fremdgehen, ihre innere Situation so: „Endlich habe ich mich einmal bestätigt gefühlt. Endlich konnte ich mich einmal fallen lassen. Hier musste ich nicht mehr vor irgendeinem Anspruch bestehen…“

Im Bett eines anderen landen wir meist dann, wenn unsere Gefühle im Innenraum unserer Ehe zu lange angestaut waren. Wenn wir etwas Wichtiges von uns dort nicht gezeigt und gelebt haben, sucht sich unsere Lebenskraft einen Ausweg. Wie durch ein Leck fließt sie aus unserer Beziehung irgendwann heraus und führt uns direkt dorthin, wo sie wieder eine lebendige Verbindung eingehen kann – wir schlingern hinein in eine Affäre. Die Dreiecksbeziehung entsteht fast immer, wenn wir uns im Inneren vor unserem Partner und seinem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Druck, unseren eigenen Hemmungen, unserem Gefühl der Unzulänglichkeit und inneren Leere verdrücken: wenn wir nicht wirklich verbindlich und nicht bereit zur Heilungsarbeit sind. Mit einer Dreiecksbeziehung geben wir unserer inneren Angst vor echter Nähe einen äußeren Ausdruck. Der Dritte im Bunde taucht selten zufällig in unserem Leben auf, sondern meist erst dann, wenn wir mit unserem eigentlichen Partner längst in Sprachlosigkeit erstarrt oder in dauernden Machtkämpfen verstrickt sind.

Wenn wir uns dann da draußen endlich wild, lebendig, inspiriert und leidenschaftlich erleben, sind wir auch gleichzeitig resigniert und enttäuscht: „Das alles fehlt unserem Partner. Das haben wir schon so lange vermisst.“ Der letzte Satz stimmt. Aber der erste nicht! Das alles fehlt nicht unserem Partner, sondern unserer Partnerschaft – all die Lebendigkeit, Wildheit, Leidenschaft und Inspiration. Wir haben es vermisst. Ja! Und zwar deshalb, weil wir uns all diese Gefühle schon so lange nicht mehr erlaubt haben. Wir sind auf Nummer sichergegangen, haben uns angepasst, haben runtergeschluckt, uns selbst betäubt, verdrängt, aufgegeben, den Mut verloren und der Routine und unserer Gewohnheit die Führung unserer Beziehung überlassen. Jetzt kommt ein Fremder daher, von dem wir glauben, er habe uns all diese wunderbaren Zustände verschafft, er sei für alles verantwortlich. In Wahrheit lassen wir uns nur wieder ein, sind wir wieder spontan, wagen wir wieder ein Risiko. Und deshalb erleben wir mit dem Fremden etwas, dass wir uns in unserer Ehe nicht getraut haben zu geben.

Wenn der Dritte im Bunde erscheint, ist es höchste Zeit – nicht für die Entscheidung für den einen oder den anderen, sondern für die Wahrheit. Gehe zu deinem Partner, setze dich vor ihn hin und offenbare dich. Stelle dir ein Textformular vor, in dem es Leerklammern gibt. Immer da, wo du an den Geliebten denkst, sei dankbar für all das, was du im Zusammensein mit ihm von dir selbst wiederentdecken konntest. Studiere all diese aufgetauchten oder wiedergekehrten Gefühle so genau wie du kannst. Aber dann setze überall dort, wo du an deinen Geliebten denkst, deine Sehnsucht oder deine ungelebten Seiten ein. Erzähle deinem Partner offenherzig und schonungslos von deinen Sehnsüchten und ungelebten Seiten, von dem, was du fühlen und erleben möchtest. Das erfordert meist die Courage wie beim Sprung von einer hohen Klippe – aber, wenn du ganz bei deiner Sehnsucht, bei der Offenbarung all deiner Träume und Fantasien bleibst, wirst du dich wundern, wie viel Nähe, Lebendigkeit und offener Raum nach dem Sprung in die Angst und den Schmerz plötzlich entstehen.

Das Dreiecksdilemma schreit eigentlich immer nach einer mutigen und echten Offenbarung und Annäherung. Wenn es auftaucht, dann vereinigt es immer drei Menschen miteinander, die ihren nächsten großen Heilungs- und Entwicklungsschritt im Leben vor sich herschieben. Alle drei!!! am Dreieck Beteiligten sind in Wahrheit aufgefordert, sich jeder für sich mit seinen Ängsten vor Verpflichtung und vor echter Nähe zu konfrontieren. Eine gesunde Partnerschaft braucht eigentlich zwei Menschen, aus deren stetiger Öffnung und Entwicklung sich immer wieder neu ein größeres Ganzes ergibt. Werden von diesen beiden Partnern wichtige, tragende Teile der Beziehung nicht gelebt, alte Verletzungen verdrängt und neue risikobehaftete Entwicklungen nicht zugelassen, fehlt der Partnerschaft etwas. Dieser „leere“ Teil wirkt wie ein Vakuum und sorgt so lange für Unterdruck, bis er – gegebenenfalls eben durch einen Dritten – gefüllt wird. Dann ist das System wieder komplett – wenn auch noch nicht intakt. Im Falle einer Dreiecksbeziehung ergeben drei Menschen dort zusammen hundert Prozent, wo zwei vielleicht nur fünfzig oder sechzig Prozent ergeben.

Der Dritte im Bunde verkörpert all das, was der Betrogene nicht auslebt. Nichts will der Betrogene natürlich weniger wahrhaben, als dass der böse Dritte auch nur im Geringsten etwas mit ihm zu tun haben könnte. Mit diesem Menschen will er nicht reden, sich nicht auseinandersetzen, nicht konfrontiert werden – er soll einfach nur weg. Dieser Mensch lebt aber etwas aus, was dem Betrogenen zu seiner Ganzheit fehlt – ob er es nun wahrhaben will oder nicht. Beide – der Betrogene und der Dritte im Bunde – sind meist völlig aus ihrer Balance geraten, nur in jeweils entgegen gesetzten Richtungen.

Und der in der Mitte hätte schon lange in seiner ursprünglichen Beziehung in die Kommunikation und Konfrontation gehen sollen. Seine Aufgabe wäre es gewesen, Vorreiter zu sein, Neues in seiner Beziehung zu wagen, neue Richtungen aufzuzeigen, alten Verhaltensballast über Bord zu werfen und seinen Partner und gegebenenfalls die ganze Familie mit Geduld und unermüdlichem Engagement im täglichen Leben zu inspirieren und auf eine neue Ebene zu führen. Aber stattdessen läuft er vor dieser Verantwortung davon und bleibt dabei, sich lieber etwas vorzumachen und von idealen Partnerschaften, besonderen Beziehungen, einem anderen Leben zu träumen und immer neuen Hoffnungen hinterherzujagen.

Wenn der Geliebte dann in sein Leben tritt, sagt er: Dieser Mensch ist so besonders, so inspirierend, so befreiend und einzigartig, dass sich alles in mir lebendig anfühlt. Aber er erkennt nicht, dass es die besonderen, einzigartigen Umstände sind, die alles so lebendig machen. Das wirklich Besondere, Einzigartige und Inspirierende ist, dass er – zumindest zu Beginn - mit diesem Menschen im Augenblick lebt, ohne Ansammlungen von alten Erinnerungen, ehemaligen schlechten Erfahrungen und Ansprüchen. Wenn es um den höchsten Seinszustand eines Menschen geht, landet jeder ernst zu nehmende, spirituelle Weg im Hier und Jetzt, spricht er von der Erleuchtung des Lebens im Augenblick.