Alles ist jetzt!

Partnerschaft

 

 

Nur nicht vorschnell die Flinte ins Korn werfen!

Wir haben ja leider immer noch das Phänomen, dass, sobald Kinder kommen, mehrheitlich die Frauen für Erziehung und Hausarbeit verantwortlich sind. Davor ist die Aufgaben-verteilung durchaus egalitärer, doch kaum ist Nachwuchs da, wird die Rollenverteilung stark traditionell. Frauen haben dadurch effektiv weniger Selbstverwirklichungsmöglichkeiten. Sind die Kinder dann aus dem Haus, fragen sie sich häufig: „Wo stehe ich, was habe ich für mich tun können?“ Der Mann ist zu diesem Zeitpunkt meist auf dem Höhepunkt seiner Karriere, er ist erfolgreich, während die Frau das Gefühl hat, sie sei zu kurz gekommen. Das ist ein Punkt. Ein zweiter ist die Investition in die Partnerschaft. Die Attraktivität, die Neu-artigkeit, die Faszination füreinander – nimmt im Laufe der Zeit ab. Die Intimität, das Vertrauen, welches durch Investition in die Beziehung entsteht nimmt zu. Bei Trennungs-gedanken kommen diese zwei Punkte zusammen: Das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein, sowie das Realisieren, dass zu wenig in die Partnerschaft investiert wurde.

Es fängt schon elementar damit an, wie viel Zeit man sich für den anderen und die Partnerschaft nimmt. Das ist die Grundlage für alles andere. Denn wenn wir keine Zeit füreinander haben, dann fehlen gemeinsame Begegnungen, gemeinsame Erfahrungen und Erlebnisse, und das wichtige Wir-Gefühl kann nicht entstehen. Das ist das Wesentliche, dass ein Paar sich als ein „Wir“ fühlt und nicht als zwei „Ich“.

Das Zweite ist, wenn wir Zeit füreinander haben, dann erhält auch die Kommunikation eine andere Tiefe, man spricht eher an, was einen wirklich beschäftigt und sorgt. Bei Zeitmangel dagegen nimmt die Oberflächlichkeit der Kommunikation zu. Das heißt, man redet weniger über die Themen, um die es wirklich geht, sondern ist viel lösungsorientierter. Denn in Hektik möchte man eine möglichst schnelle und effiziente Lösung für ein Problem.

Stress hat immer zwei Komponenten: eine Problembezogene und eine Emotionsbezogene. Die Problembezogene lässt sich oft schnell lösen.

Mit ein paar Vorschlägen hat man die Angelegenheit im Griff. Aber fast immer geht es in Stresssituationen um Emotionen – ein Ereignis irritiert, ängstigt oder deprimiert einen. Und das muss man einander mitteilen können. Wenn man aber nun keine Zeit hat, dann verliert sich die Tiefe der emotionalen Begegnung, alles wird oberflächlicher, plätschert seicht dahin. Es kommt zu keiner Begegnung, in der Selbstöffnung stattfindet. Damit ist das Ansprechen von wichtigen Themen, Gefühlen und Bedürfnissen gemeint. Stress verhindert Selbstöffnung. Man lässt den anderen nicht teilhaben an dem, was einen wirklich umtreibt. Damit verlieren wir einander aus den Augen. Wir bleiben dem anderen nicht nah, spüren nicht, wo er oder sie im Leben steht, und der andere weiß nicht, was mir wichtig ist. Das emotionale Updating findet nicht statt. Die Folge davon ist, dass die Intimität erodiert und ein Gefühl der Entfremdung sich einstellt. Dies ist kritisch für die Partnerschaft.

Wichtig ist, dass ich nicht sachliche Details berichte, sondern schildere, wie ich mich fühle, was an der Situation so schlimm ist und warum sie mich so trifft. Indem ich von mir erzähle, werde ich für den anderen spannend, interessant, erfahrbar, menschlich, greifbar. Mein Partner bekommt dann die Chance, mich besser zu verstehen und mich besser zu unterstützen.

Gebe ich keinen Einblick in meine Gefühlswelt, dann riskiere ich schnelle, problembezogene Ratschläge à la „Ich an deiner Stelle würde…“die mir aber nicht helfen. Oder es kommen Umbewertungen wie: „Das ist doch nicht so schlimm.“ Das wirkt dann wie eine zweite Ohrfeige, denn für mich ist es schlimm.

Die Erklärungen, die Paare selbst geben, wenn ihre Beziehung scheitert, lauten häufig: „Wir haben uns auseinandergelebt“ oder „Wir lieben uns nicht mehr“ oder „Wir passen einfach nicht zusammen“.

Das sind Umschreibungen für Entfremdung – die meisten Paare gehen heute nicht wegen Zerrüttung, sondern wegen Entfremdung auseinander.

Zu Beginn einer Beziehung sind Paare einander sehr nah. Man ist interessiert am anderen, will wissen, was er gerne hat, welche Interessen und Einstellungen – man ist neugierig auf den anderen. Jahre später hat sich die Situation oft verändert. Man denkt, man wisse alles vom anderen, und bedenkt nicht, dass sich der Partner wie man selbst ständig verändert. Man greift auf „altes“ Wissen zurück und wird so dem anderen nicht mehr gerecht. Der fühlt sich unverstanden, nicht mehr von Interesse, vernachlässigt. In dieser Situation kann ein Auslöser – ein Umzug, ein Seitensprung, die Kinder verlassen das Haus – eine Beziehung in Gefahr bringen. Nicht so bei Paaren, die sich über die Zeit immer wieder updaten. Diese haben sich ebenso verändert, aber sie sind sich nahe geblieben, weil sie wechselseitig an der Entwicklung des anderen teilhaben.

Am Anfang liegt einem vor allem das Wohl des anderen am Herzen. Man engagiert sich für ihn. Mit der Zeit verschiebt sich die Interessenlage – man sucht vermehrt nach eigener Bedürfnisbefriedigung. Das Problem ist letztlich nicht die Unterschiedlichkeit, das Problem ist die Motivation, sich auf den anderen einzulassen.

Es fehlt die Bereitschaft, neben dem Störenden auch das Positive zu sehen. Die Optik wird einseitig.

Ichbezogenheit, zu hohe Erwartungen, zu geringe Toleranz, zu wenig Stresskompetenz – sind deutlich häufiger für das Misslingen von Beziehungen verantwortlich als Faktoren, die in der Vergangenheit liegen.

Die Liebe ist kein Garant für Beziehungsstabilität und Beziehungsqualität. Liebe muss gepflegt werden. Geschieht das nicht, dann verkümmert sie wie eine Pflanze, die man nicht regelmäßig gießt und düngt.

Auch die Attraktivität und Verliebtheit mit einem neuen Partner sind denselben Gesetzmäßigkeiten unterworfen. Zudem ist es ein Neuanfang mit einer Hypothek: Es ist ein schwieriger Prozess, sich aus einer langjährigen Beziehung zu lösen, das gelingt oft nicht leicht. Denn man startet in die neue Beziehung mit einer vollen Tafel. Man kann die Tafel nicht einfach löschen, man vergleicht, erinnert sich. Es gibt den vorherigen Partner weiterhin, und man sieht ihn häufig, wenn man gemeinsame Kinder hat. Daher lohnt es sich, die Partnerschaft von Anfang an zu pflegen und sich bei Schwierigkeiten zusammen zu raufen und professionelle Hilfe zu suchen.