Claudia Haak 

Psychologie

 


Heute bin ich anders
Manche Menschen halten an Vorhaben fest, auch wenn sie ihnen längst nicht mehr guttun – oft, weil schon Geld, Zeit oder Anstrengung investiert wurde. Sei es, dass wir ein Musikinstrument gekauft und Unterricht genommen haben und eigentlich aufhören wollen. Sei es, dass wir uns jahrelang intensiv um eine Beziehung bemüht haben und es trotz anhaltender Schwierigkeiten nicht schaffen, Schluss zu machen.

In mehreren Studien stellten Psycholog*innen fest: Wie schwer das Loslassen fällt, hängt nicht nur von der Höhe der Investition oder dem Ausmaß der Anstrengung ab, sondern auch davon, ob wir uns noch so sehen wir früher. Je weniger dies der Fall war, desto leichter entschieden sich die Teilnehmenden dafür, ein früheres, nicht mehr passendes Vorhaben aufzugeben. In fünf Studien wurden mehr als 3000 Versuchspersonen befragt.

Wie die Autor*innen der Studie schreiben, empfinden wir Schuld- und Schamgefühle, ein Projekt zu beenden, wenn wir uns selbst noch genauso sehen, wie vor ein paar Wochen oder vor Jahren. Je mehr wir glauben, heute anders zu sein als damals, desto leichter falle uns das Loslassen.

Ein Bettler hatte mehr als 30 Jahre am Straßenrand gesessen. Eines Tages kam ein Fremder vorbei. „Hast du mal `n Euro?“, murmelte der Bettler und hielt mechanisch seine alte Baseballmütze hin. „Ich habe dir nichts zu geben“, sagte der Fremde und fragte dann: „Worauf sitzt du eigentlich?“ „Ach“, antwortete der Bettler, „das ist nur eine alte Kiste. Da sitze ich schon drauf, solange ich zurückdenken kann.“ „Hast du mal hineingeschaut?“, fragte der Fremde. „Nein“, sagte der Bettler, „Warum auch? Es ist ja doch nichts drin.“ „Schau hinein“, drängte der Fremde. Es gelang dem Bettler, die Kiste aufzubrechen. Voller Erstaunen, Unglauben und Begeisterung entdeckte er, dass die Kiste mit Gold gefüllt war.

Ich bin dieser Fremde, der dir nichts zu geben hat und der dir rät, nach innen zu schauen. Nicht in irgendeine Kiste wie in dem Gleichnis, sondern viel näher: in dich selbst. „Aber ich bin doch kein Bettler“, höre ich dich sagen. Alle, die ihren wahren Reichtum noch nicht gefunden haben, die strahlende Freude des Seins und den tiefen, unerschütterlichen Frieden, der damit einhergeht, sie alle sind Bettler, mögen sie materiell auch noch so reich sein. Sie suchen im Außen nach Vergnügen und Erfüllung, nach Wertschätzung, Sicherheit und Liebe, während sie einen Schatz in sich tragen, der all dies beinhaltet und zugleich unendlich viel größer ist als alles, was die Welt anzubieten hat. Das Wort Erleuchtung lässt an eine Art übermenschliche Fähigkeit denken, und das Ego möchte daran festhalten. Doch Erleuchtung ist ganz einfach dein natürlicher Zustand, in dem du dich als Einheit mit dem Sein empfindest. In diesem Zustand bist du mit etwas Unermesslichem und Unzerstörbarem verbunden, mit etwas, das paradoxerweise du selbst bist und das zugleich etwas viel Größeres ist als du. Es geht um das Entdecken deiner wahren Natur jenseits von Name und Form. Die Unfähigkeit zu fühlen, dass du derart verbunden bist, führt zu der Illusion von Trennung. Trennung von dir selbst und von deiner Umwelt. Dann nimmst du dich selbst, bewusst oder unbewusst, als ein isoliertes Fragment wahr. Angst entsteht, innere und äußere Konflikte werden die Norm. Ich liebe die schlichte Definition des Buddha für Erleuchtung: „das Ende allen Leidens“. Daran ist nichts übermenschlich, oder?

Niemand von uns weiß, was im nächsten Moment geschehen wird – was kann man dann über morgen sagen? Ein bewusster Mensch weiß: Leben ist Veränderung. Bewusst in diesem Augenblick zu sein, grenzt sich vom Verharren in der Vergangenheit oder dem Spazierengehen in der Zukunft ab. Beides ist nicht jetzt. Was Probleme schafft, ist unsere Sehnsucht nach Beständigkeit. Ein bewusster Mensch ist so mutig, Veränderungen zu akzeptieren. Manche scheinen auf den ersten Blick negativ zu sein, aber sie schaffen Platz für neue Dinge. Übe dich täglich darin, bewusst anzunehmen, was auch immer geschieht. Sei offen. Achte darauf, was das mit dir macht. Indem du diesen Moment akzeptierst, wird das Jetzt zu deinem Freund. Du selbst gewinnst eine neue Leichtigkeit. Es geht nicht darum, dir vorzunehmen, dein ganzes Leben zum Jetzt zu machen – das ist nur wieder ein Spiel des Verstandes und erzeugt unnötigen Stress. Es geht darum, dich einfach mit diesem Moment anzufreunden. Zu akzeptieren, was geschieht. Das genügt. Dein Ja ist machtvoll, denn es hat die Kraft, alles zu verändern. Plötzlich eröffnen sich dir ungeahnte Möglichkeiten, es kommen Dinge auf dich zu, nur, weil du Ja sagst zu diesem Moment. Weil du präsent bist. Was im Außen geschieht, ist immer eine Reflektion des Innen. Wenn du Nein sagst zu diesem Augenblick, wird sich dieses Nein auf dein Umfeld übertragen. Der Hauptgrund für Unglück ist niemals die Situation selbst, sondern deine Wahrnehmung dieser Situation. Dich selbst zu kennen als das Sein, das sich hinter dem Denken verbirgt, als die Stille hinter dem Gedankenlärm, als die Liebe und die Freude jenseits von Schmerz – das bedeutet Freiheit, Erlösung, Erleuchtung.