Psychologie
Das Wunder der Selbstgenügsamkeit
Wenn die Sonnenblume sich im Laufe des Tages nach der Sonne dreht, dann nur, weil sie das Licht braucht. Mit lautem Summen nähert sich die emsige Biene. Wir wissen nicht, ob sie die Anmut ihres Landeplatzes überhaupt wahrnimmt, während sie aus braunen Blüten Nektar saugt. Auf einem Ast der alten Eiche kauert noch ein Vogelnest vom Sommer, längst verlassen. Dabei war es so liebevoll gebaut, so sicher und in seiner runden Form perfekt, dass mancher Architekt ins Schwärmen kommt. Die Weinbergschnecke trägt ihr Haus so selbstverständlich, als wäre ihr die rätselhafte Schönheit seiner Konstruktion ganz und gar gleichgültig. Der Gesang der Nachtigall, der Flug der Stare, die Erhabenheit eines Sommerwaldes, der sich auf den Herbst vorbereitet – all das passiert nicht einfach so. Alles hat seinen Plan und seinen Zweck und ist ganz frei von Eitelkeiten und anderen Motiven. Vielleicht ist es dies, was wir Menschen von der Natur noch lernen sollten: Die Fähigkeit zur Selbstgenügsamkeit. Ganz in dem aufzugehen, was getan werden muss – ohne auf Applaus zu hoffen. Sich unabhängig zu machen von der Meinung der anderen, von Kritik und falschem Lob.
In der Philosophie war es Epikur, der als erster auf die Kraft der Selbstgenügsamkeit hinwies. Er war einer der einflussreichsten Geister der Antike und Selbstgenügsamkeit war ein tragender Pfeiler im Gebäude seines Denkens. Epikur ging es dabei um eine Art Gleichung des Lebens: Indem wir Selbstgenügsamkeit anstreben, machen wir uns unabhängig vom Urteil der anderen. Wir werden nicht getrieben von Ehrgeiz und Besitzstolz. Wir umschwirren nicht die glänzenden Lichter der Eitelkeit. Und indem wir das alles nicht tun, befreien wir uns von vielen Ängsten und Sorgen, die mit dieser Art der Lebensführung verbunden sind.
Natürlich ist das ein hohes Ziel, und es wäre ganz sicher vermessen, es in aller Konsequenz erreichen zu wollen. Aber wie so oft in der Philosophie kann es uns als Leitstern dienen. Als Kompass, wenn es darum geht, den Kurs zwischen Unwichtigem und Wichtigem zu bestimmen. Selbstgenügsamkeit ist eben auch der Weg zu einem Leben in Gelassenheit, von dem so viele Menschen träumen. Beides ist untrennbar miteinander verwoben. Und falls es uns mal wieder entfällt und wir nach alten Mustern streben, kann es helfen, einfach nach draußen zu gehen. Dem Flug der Vögel zuzuschauen oder dem Wind in den Weiden zu lauschen. Das Wunder der Selbstgenügsamkeit ist überall zu sehen, wir müssen nur hinschauen.