Partnerschaft
Wozu noch miteinander reden?
Wie viele Worte können zwei Menschen miteinander wechseln? Wie viele Themen besprechen, wie viele Fragen stellen, wie viele Antworten geben? Wenn ein Paar 20 Jahre zusammenlebt, dann sind das 7300 gemeinsame Tage oder 175.200 Stunden. Kann es überhaupt sein, das sich zwei Menschen nach so vielen Jahren noch etwas zu sagen haben? Wurde nicht längst alles ausgesprochen? Reduzieren sich da Gespräche nicht irgendwann zwangsläufig auf das Alltägliche? Manchmal fällt es uns ja schon schwer, uns mit einem anderen Menschen nur eine halbe Stunde zu unterhalten, ohne dass der Gesprächsstoff ausgeht. 20 oder noch mehr Jahre können da eine Ewigkeit sein.
Dass zwischen Paaren irgendwann eine Art Sprachlosigkeit einkehrt, ist leider keine Seltenheit. Und oft verhält es sich so, dass, wenn der eine schweigt, der andere leidet. Andere möchten ihre Gedanken mitteilen, aber sie haben den Eindruck, dass niemand sie hören will.
Nicht gehört zu werden, ist schlimm. Denn nicht gehört zu werden heißt, nicht verstanden zu werden. Verständnis aber ist neben Vertrauen eine der Grundfesten der Liebe. Verständnis setzt Interesse voraus, bedeutet, dass man aufeinander neugierig bleibt – auch wenn man schon lange zusammenlebt. Paartherapeuten empfehlen bei wortkargen Partnerschaften, mehr miteinander zu reden. Aber das geht womöglich am Kern der Sache vorbei, weil es ungenau formuliert ist. Denn zu reden reicht nicht aus. Wer nur redet, läuft schnell Gefahr, am anderen vorbei zu reden. Wir Menschen haben es in der Kunst, viel zu sprechen und dabei wenig zu sagen, erstaunlich weit gebracht.
Viel entscheidender, als zu reden, ist der echte Austausch von Gedanken. Wer Gedanken austauscht, der redet nicht nur – der bietet sein Innerstes dar. Der spricht über Dinge, die ihn wirklich bewegen, und hört auch zu. Das Schöne am Gedankenaustausch besteht ja darin, dass es ein Geben und Nehmen ist, das zwei Menschen bereit sind, sich wirklich aufeinander einzulassen, statt sich nur mit Phrasen zu begnügen. Gedankenaustausch ist immer ein Abenteuer, ein Wagnis – aber auch ein Weg, einem Menschen nahezukommen und nahezubleiben; und es wird nie langweilig, wenn wir bereit sind, uns wirklich für die Gedanken des anderen zu interessieren. Das erfordert, freimütig zu sein, den Mut zu haben, alte Denkmuster zu durchbrechen, offen zu bleiben und nicht vorschnell zu urteilen. Mit anderen Worten: Es ist nicht unbedingt einfach, das alles zu leisten. Aber dieser Dienst an der Liebe lohnt sich, weil er uns als Paar stärker und aufmerksamer macht. Und wer weiß – wenn wir die Quelle des Gedankenaustauschs einmal zum Sprudeln gebracht haben, wird sie womöglich nie mehr versiegen und uns stets mit frischem Wasser speisen.