Kolumne
Wer hat an der Uhr gedreht?
Ich weiß, ein Tag hat 24 Stunden, das ist seit Ewigkeiten so und gilt auch für die Zukunft. Und doch beschleicht mich mehr und mehr das Gefühl als rase die Zeit an mir vorbei, als würde ich immer mehr Dinge in immer weniger Zeit erledigen müssen, nie wirklich an-kommend in dem kleinen Zeitfenster „Pause/Ruhe/Entspannung“. Wie kommt das? Was hat sich geändert? Wie schafft man es, sein durchgeplantes Leben zu beruhigen?
Wir befinden uns in einer Zeit längerer Ladenöffnungszeiten, die Geschäfte haben mitunter auch sonntags geöffnet, es gibt 24-Stunden-Callcenter. Für die Nutzer bedeutet dies mehr Freiheit, für die betroffenen Berufstätigen das Ende gemeinsamer Familienwochenenden.
Gymnasiasten haben kürzere Schulzeiten, Kinder einen 10-Stunden-Tag. Wozu? Damit sie nach dem Abitur mit 17 Jahren „schneller“ dem Weltmarkt zur Verfügung stehen bei ständig steigender Lebenserwartung und dem Risiko eines Burnout mit spätestens 35?
Wir opfern viel: Muße, Zeit für Freundschaften, Langeweile. All dies braucht der Mensch um sich zu entwickeln.
Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel fordert in ihrem Buch Vom Glück der Unerreichbarkeit eine »Informations- und Kommunikationsökologie«, die es uns ermöglicht, im Zeitalter der Überinformation trotzdem dann und wann einen klaren Gedanken zu fassen. Meckel empfiehlt: einfach manchmal abschalten, unerreichbar sein, um sich konzentrieren zu können.
Es gilt, sich vor Augen zu halten, dass ZEIT eine menschliche Ressource ist. ZEIT ist der Preis für die Sterblichkeit, und es lohnt sich, damit sorgsam umzugehen. Wer es nicht kann, kann es lernen. Wer es nicht lernt, stirbt zu früh, und wenn er 99 wird. Gelernt werden soll nicht eine weitere Art, in 24 Stunden Aufgaben von 48 Stunden zu erledigen, sondern die kostbare Fähigkeit der Entschleunigung.
Wenn wir etwas mit voller Aufmerksamkeit tun, wenn wir mit all unseren Sinnen bei der Sache sind, vergeht die Zeit langsamer. Unser Leben wird intensiver. Wir brauchen also nicht darauf zu warten, dass wir weniger Aufgaben bekommen und unser Leben dadurch wieder gemächlicher wird. Wir können die Ruhe selbst herbeiführen, wenn wir aufmerksam bei allem sind, was wir tun.
Kleine, aber wirksame Tipps zur Lebensentschleunigung:
• Fange die erste ¼ Stunde des Tages ohne Zerstreuung an, d.h. ohne Zeitung, PC oder Fernseher.
• Die erste ¼ Stunde nach Feierabend sollte ebenfalls ohne Zerstreuung verbracht werden, d.h. ohne zu telefonieren, zu simsen oder zu mailen. Setze dich aufs Sofa oder in deinen Lieblingssessel.
• Grundregel: Nie mehr als 3 Termine in der Woche. Dann ergibt sich mehr freie Zeit für spontane Unternehmungen und Einfälle.
• Verbringe den Sonntag ohne Uhr und Wecker, ohne Jogging und „schnelles“ Sportprogramm. Kein PC! Wenigstens für ½ Tag. Handy ausschalten!
• Mache mindestens eine Woche lang Urlaub zuhause und faulenze die Hälfte des Tages, der Rest darf dann für Aktivitäten verplant werden. Alternativ kann man sich auch eine Woche ins Bett legen und sich bedienen und besuchen lassen, so wie man es auch tut, wenn man krank ist.