Claudia Haak 

Kolumne



Höflichkeit ist der Versuch, Menschenkenntnis durch gute Manieren zu mildern
Jean Gabin (französischer Schauspieler)

Ich arbeite in einem großen Unternehmen mit vielen Mitarbeitern. In letzter Zeit fühle ich mich dort mehr und mehr unsichtbar. Hier einige Beispiele:

Ich verlasse die Kantine, öffne die Glastür nach draußen und werde von Kollegen fast umgerannt, weil die mich nicht erst rauslassen, sondern die günstige Gelegenheit wahrnehmen (da öffnet einer die Tür!) um in die Kantine zu kommen.

Ein Kollege setzt sich ungefragt auf den freien Platz mir gegenüber, ohne zu grüßen oder mich eines Blickes zu würdigen und unterhält sich lautstark mit Kolleginnen 2 Plätze weiter.

Gerade will ich in die freie Lücke auf dem Band bei der Tablettrückgabe mein Tablett stellen, als jemand von der Seite kommt, die Schlange hinter mir und mich ignoriert und sein Tablett mit einem feisten Grinsen in die freie Lücke stellt.

Eine Kollegin geht mit mir essen und quatscht mich eine ¾ Stunde zu, ohne auch nur einmal zu fragen wie es mir geht oder wenigstens eine Pause zu machen.

Wie oft erhalte ich auf E-Mails keine Antwort? Wie oft kein Feedback, von Dank ganz zu schweigen, für eine Anfrage, die ich beantwortet habe.

Für den ein oder anderen mag das alles nicht der Rede wert sein. So was passiert. Man kann nicht immer an den anderen denken in dieser schnelllebigen Zeit, wo jeder doch weiß, dass Zeit Geld kostet. Aber stehen diese Beispiele nicht alle für einen Mangel an Höflichkeit? Arthur Schoppenhauer war der Meinung, Höflichkeit ist wie ein Luftkissen. Es mag nichts drin sein, aber sie mildert die Stöße des Lebens.

Höflichkeit ist eine Tugend, deren Folge eine rücksichtsvolle Verhaltensweise ist, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen soll. Respektlosigkeit ist demnach ein Mangel an Höflichkeit.

Man glaubt es kaum, aber in Deutschland steht Traditionelles zunehmend hoch im Kurs. "Höflichkeit und gutes Benehmen" sind einer wachsenden Zahl von Menschen wichtig (88 Prozent).

Wir leben in einer Gemeinschaft, in der wir ein Zusammenleben entwickeln müssen, das uns zufrieden macht. Dazu würde gehören, hin und wieder an die Bedürfnisse anderer zu denken.

Wenn in einer Gesellschaft immer mehr Werte verloren gehen und niemand mehr weiß, was richtig und falsch ist, besteht Handlungsbedarf. Wir müssen wieder lernen, was Höflichkeit bedeutet.

Wenn wir andere respektieren, liegt die innere Einstellung zugrunde, dass jeder Mensch gleich viel wert ist und deshalb Achtung verdient. Darüber hinaus macht gutes Benehmen unser Zusammenleben um einiges angenehmer.

Höflichkeit ist demnach das Resultat aus gutem Benehmen auf der Grundlage gegenseitigen Respekts. Maurice Chevalier nannte es den Sicherheitsabstand, den vernünftige Menschen einhalten.