Claudia Haak 

Kolumne


Unterschiedliche Wahrnehmung: Meine Welt – Deine Welt
Ich erinnere mich an meine erste Krankengymnastik aufgrund von Rückenproblemen. Ich sollte mich mit geradem Rücken auf eine Liege legen. Die Krankengymnastin fragte mich dreimal: Sind Sie der Meinung, Sie liegen gerade? Ich bejahte und dann zeigte sie mir den Spiegel. Es hätte jeder Ausdruck gepasst, nur nicht: Ich liege gerade. Ich versuchte mich nach dem Spiegelbild gerade hinzulegen, als sie mich unterbrach und meinte: „Es geht nicht darum, Ihre Wahrnehmung der Wahrnehmung anderer anzupassen. Ihre Wahrnehmung ist Ihre Wahrnehmung und bleibt es auch. Darauf baut sich Ihre Welt auf. Aber Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Ihre Wahrnehmung nicht die anderer ist.“

Ich mag es, wenn mir Menschen offen lächelnd und grüßend begegnen. Das schafft eine Verbindung und ich fühle mich wahrgenommen. Umso mehr ärgere ich mich über Menschen, die mit gesenktem Blick an mir vorbeigehen, mich dabei fast umrennen oder mich zwar ansehen, aber weder grüßen noch lächeln, obwohl wir einander fast täglich begegnen. Wie viel davon hat aber mit mir zu tun? Vielleicht ist dieser Mensch einfach nur in sich versunken, denkt gerade über ein Problem nach, ist krank oder hat Liebeskummer. Umgekehrt ist ein Mensch, der anderen offen lächelnd begegnet vielleicht einfach nur glücklich, weil er verliebt ist, eine Gehaltserhöhung bekommen hat oder einfach mit sich und der Welt im Reinen ist. Mit anderen Worten, die mir durch den anderen gespiegelte gute oder schlechte Laune muss nichts mit mir zu tun haben. Genau das nehme ich aber wahr und denke mir oft „Was für ein Idiot. Dann grüße ich den beim nächsten Mal eben auch nicht.“ Und prompt begegnet mir dieser Mensch beim nächsten Mal betont freundlich, wahrscheinlich, weil seine Grundstimmung einfach eine andere ist.

Schon als Kind fühlte ich mich immer „besonders“. Irgendwann als ich aus meinem kleinen familiären Mikrokosmos in die Welt hinaustrat um diese Besonderheit zu leben, stellte ich fest, ich war „besonders“ unter ganz vielen anderen Besonderen. Alles war irgendwie schon da, hatte seinen Platz und seine Berechtigung. So ging es mir auch in Beziehungen. In der Pubertät war es ganz schlimm. Jeder Junge der mich anlächelte und mir gefiel gab mir das Gefühl, irgendwie besonders zu sein. Da ich schon immer schlecht abwarten konnte, fragte ich dann eines Tages: „Willst du mit mir gehen?“ Ich erinnere mich an viele Absagen, eben, weil meine Wahrnehmung eine andere war als die der Jungen. Einer, nach dem Grund für sein Lächeln gefragt, brachte es auf den Punkt und sagte: „Ich wollte einfach nur nett sein.“

In meiner Kindheit war es wichtig das äußere Bild zu wahren und sich zu benehmen. Wie ich mich fühlte war zweitrangig, also achtete ich nicht auf meine Gefühle, sondern auf die Reaktionen meines Umfeldes. Bloß nicht unangenehm auffallen war die Devise. Ich tat, was von mir erwartet wurde und lächelte nett. Dann war alles gut.

Ob im Büro oder beim Bäcker, man kennt mich meistens gut gelaunt und lächelnd. Umso erstaunter ist mein Umfeld dann, wenn dem nicht so ist. Ich erinnere mich an einen Morgen im Büro, wo mich ein Kollege nach meinem Befinden fragte und mir die Tränen kamen. Fassungslos sah er mich an und fragte was los sei. Ich schilderte ihm eine schlaflose Nacht, weil meine damals fünfzehnjährige Tochter mal wieder die Nacht zum Tag gemacht hatte und mich im Ungewissen hielt wo und mit wem sie unterwegs war. Ihr Handy war aufgrund eines ungeladenen Akkus nicht funktionsfähig, so dass meine unzähligen besorgten Anrufe ins Leere liefen und meine Nerven dank meiner blühenden Fantasie blank lagen. Der Kollege sah mich an und meinte: „Mein Gott, kommen Sie mal runter, so schlimm ist das doch alles nicht.“ Entgeistert sah ich ihn an, trocknete meine Tränen und meinte nur: „Für Sie vielleicht nicht, aber für mich. Danke für Ihr Mitgefühl. Müssen Sie ja auch nicht verstehen.“ Er relativierte und meinte nur: „Ich hätte nicht erwartet, dass Sie so etwas so mitnimmt. Sie scheinen immer alles so locker zu nehmen.“

Inzwischen achte ich genau auf meine Gefühle, wenn ich Menschen begegne und zeige sie auch. Denn was ich fühle strahle ich aus, was ich ausstrahle ziehe ich an. Die Menschen die mir begegnen sind nämlich Spiegel meiner Gedanken und Gefühle. Achte mal in beide Richtungen darauf und frage dich: Fühle ich was mir meine Mitmenschen spiegeln bzw. spiegeln die Reaktionen meiner Mitmenschen meine Gefühle? Dies ist eine sehr spannende Sache auf dem Weg zur Selbsterkenntnis.

Im Sinne Albert Einsteins ist es absolut möglich, dass jenseits der Wahrnehmung unserer Sinne ungeahnte Welten verborgen sind.